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Paris, die Stadt des Tango

Warum gilt Paris als Stadt des Tango? Astor Piazzolla, der Schöpfer des Tango Nuevo, war zum Zeitpunkt seines Todes 1992 in Paris bekannter als in Buenos Aires, behaupten diverse Musikhistoriker beiderseits des Atlantik. Das französische Chanson liebt den Tango und zitiert ihn unentwegt, Hollywoodstreifen stilisieren die Beziehung zwischen der Stadt an der Seine und dem Tanz vom Rio de la Plata zum Klischee. Wie und wann entstand diese intime Verbindung zwischen der französischen Stadt und dem südamerikanischen Tanz?

Einen wichtigen frühen Beitrag zur Verknüpfung zwischen tangophilen Rythmen und Pariser Kultur, ebenso wie zum Aufstieg des Tango schlechthin, leistete der Werdegang eines verwandten Musikstils aus Kuba, der "Habanera". Dieser von seiner rythmischen Struktur dem modernen Tango verdächtig ähnliche Stil entstand um 1830 in Havanna, wo er 1857 von dem in Paris ansässigen spanischen Komponisten Sebastián de Yradier während einer Reise aufgegriffen und in Kompositionen wie "La Paloma" und "El Arreglito" weiterverarbeitet wurde. "El Arreglito" wiederum bildete die Basis für die berühmte Arie "L'amour est un oiseau rebelle" in George Bizets Oper Carmen, die kurz nach ihrer Uraufführung in der Pariser Opéra Comique im März 1875 zum Welterfolg wurde. Auf diese Weise erreichten die Habanera auch die französisch orientierte kulturelle Elite von Buenos Aires - das Paris Südamerikas, wie man seinerzeit zu sagen pflegte - wo der argentinische Tango selbst noch als subversiv galt und konsequent unterdrückt wurde.

1907 begleitete das Künstlerehepaar Alfredo Eusebio Gobbi und Flora Rodríguez de Gobbi den Tangokomponisten und -gitarristen Ángel Gregorio Villoldo auf dessen Reise zu Plattenaufnahmen nach Paris. Villoldo verliess Frankreich kurze Zeit später, doch die Gobbis, Multitalente als Musiker und Tänzer, schlugen Wurzeln in Paris und arbeiteten in Varietés und als Tanzlehrer. So entdeckte die Pariser Gesellschaft den Tango als exotische Neuheit. Der Erfolg der Gobbis brachte weitere Tangokünstler vom Rio de la Plata nach Paris, die Akademien und Tanzschulen gründeten, und spätestens 1910 lag die französische Metropole im Tangofieber. Diese Tangoszene an der Seine entwickelte ihren eigenen Stil: der Tanz theatralisierte und formalisierte sich, die Texte passten sich an europäische Themen an. Das Resultat war ein anderer Tango, mit einer choreographischen und literarischen Eigenständigkeit: „le tango" - Tango auf Pariser Art.

Ebendieser Erfolg in Europa ermöglichte dem Tango den Durchbruch in seiner Heimat, wenngleich in abgewandelter und "zivilisierter" Form, als "Tango de Salón". 1914 erschien, als Resultat der europäischen Tangowelle, erstmals ein Tango-Lehrbuch in Buenos Aires, das der argentinischen Oberschicht die Grundschritte des Tanzes erläuterte. In der Folgezeit verlor Paris nie seine Bedeutung als Brückenkopf des Tango ausserhalb Südamerikas. Alfredo Julio Floro Gobbi, gefeiert für den Geigenstil des "Tango Romantico", wurde als Sohn der Gobbis in Paris geboren und Eduardo Arolas, Begründer des Tangospiels auf dem Bandoneon, starb 1924 dort. Carlos Cardel startete 1928 von Paris aus seinen Eroberungszug durch den nicht-spanischen Sprachraum, und in den 1950ern entwickelte Astor Piazzolla hier als Student der Komposition bei Nadia Boulanger die Basis seines Tango Nuevo - einer Verschmelzung von Tango, Jazz und Klassik.

Zwischen 1973 und 1976 übernahmen in Uruguay und Argentinien Militärdiktaturen die Macht. Tausende Südamerikaner gingen ins europäische Exil, darunter auch bedeutende Tango Größen wie Fernando Solanas, Astor Piazzolla und Julio Cortázar. 1981 eröffneten diese in der Rue des Lombards den Tango Club "Les Trottoirs de Buenos Aires", von wo aus der Tango einen erneuten Siegeszug durch Europa antrat. Folgerichtig wurde auch Silvana Deluigi, eine der wichtigsten Tango-Interpretinnen des späten 20. Jahrhunderts, 1988 von Juan-José Mosalini nicht in Buenos Aires, sondern im "Les Trottoirs de Buenos Aires" von Paris entdeckt.

Auch im neuen Jahrtausend bleibt Paris dem Tango engstens verbunden, was nicht zuletzt durch die große Zahl regelmäßiger Tango Festivals in der Stadt unter Beweis gestellt wird. Wer aus Zeit- oder Geldmangel den Tango nicht in Argentinien aus nächster Nähe kennenlernen kann, für den bietet Paris mehr als nur ein Ersatzprogramm. Seit den Tagen der ersten Tangowelle vor 100 Jahren lebt und konsumiert Paris den Tango nicht nur in vollen Zügen, sondern nimmt immer wieder aktiv an seiner Evolution teil. Bestes jüngeres Beispiel ist sdas Gotan Project, in dem der argentinische Bandoneonist und Gitarrist Eduardo Makaroff, der französische Keyboarder Philippe Cohen Solal und der Schweizer DJ Chris Müller klassische Tangorythmen mit Technobeats und Sample-Sequenzen versetzen und universell tanzbar machen. Lanciert wurde die CD "La Revancha del Tango" natürlich in Paris - wo sonst?.

 

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